Festive 310 von 500

»Hamburg – Fulda, Non-Stop-Versuchsfahrt mit Spaghetti volles Programm.«

Zwei Uhr irgendwas in der Nacht. Gerade geht’s wieder irgendeinen Mittelgebirgshügel hinauf. Dunkel, wie Stromausfall. Rauschendes Nachtgerausche in meinen Ohren. Im Bauch rumoren „Spaghetti volles Programm“, genau so stand es in der Speisekarte beim Dorfgriechen „Mykonos“, „Metaxa“ oder „Korfu“ , den wir irgendwann vor ein paar Stunden überfielen. Das Projekt, an dem wir gerade dran sind, heißt „Festive 500“ und bedeutet „Fahre in der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, in der der größte Teil der westlichen Menschheit vollgemampft auf post-weihnachtlichen Sofas lümmelt und auf bunt flimmernde Riesen-Flatscreens starrt und dabei die üppigen Reste vom Bunten Teller vertilgt, mit dem Fahrrad eine Strecke von 500 Kilometer. Und weil KevMan und Rick Rider und Michi mit einer guten Portion Abenteuersinn und Größenwahn ausgetattet sind, wollen wir das „Ding“ in einem Rutsch fahren, „InOneGo“. So weit der Plan. Das hatte ja im letzten Jahr auch geklappt. Also, im Prinzip nur eine Wiederholung.

Pläne sind Schwäne. Sie sehen hübsch aus, können aber schnell ins „Schwimmen“ kommen und auch sonst gut Stress machen. Jemand meinte noch vor dem Start, warum wir nicht „einfach“ eine „normale“ Runde um die Hauttür machen. 500 Kilometer sind so oder so nicht „normal“! Nee dann, lieber, noch mehr nicht normales Abenteuer. Von Hamburg nach Fulda über alle „Hügel“ mitten durchs Land. Was ein super Plan, denke ich. Ich bin total müde gerade. Seit unserem Start um 6.00 Uhr in Hamburg gab’s nur Gegenwind und Regen – unser Schnitt und unser Kraftkonto haben so gelitten, dass wir jetzt in den Anstiegen und tiefschwarzen Abfahrten und auf den schmalen Wirtschaftswegen nicht wirklich mehr etwas reißen können. Mal abgesehen davon, dass ich auch das Gefühl habe, dass mir mein ganzes Jahr mit all seinen Herausforderungen und Abenteuern, wie ein müder Koalabär auf den Schultern hängt und mir dabei irgendwie die mentale Würze fehlt. Um über die Grenze zu gehen, um komplett alles zu geben. Oder vielleicht hatte ich auch schon alles gegeben und der Tank war einfach leer. 

Schatten tanzen im Mondlicht, über uns plötzlich Milliarden Sterne, die Wolken haben sich verzogen. Ein dunkelgraues Meisterwerk der Landschaftsmalerei breitet sich schweigend vor unseren Augen aus. Dafür hat sich schon der ganze „Ausflug“ gelohnt. Es sind so absolut einzigartige, kleine Augenblicke, kleine Geschenke, kleine wundervoll wertvolle Edelsteine, die Dir „Big Mama“ zusteckt, wenn Du mit dem Fahrrad die Welt befährst und vor deinen Augen pure Magie passiert. Ein paar Stunden vorher, war da nur ein  „Scheiße“! Damit war der gerissene Schaltzug an Michis Rad gemeint und sein vorzeitiger Ausstieg – in eine warme Dusche und in ein warmes Bett in einer freundlichen Herberge in eine beheizte, zivilisierte Welt mit W-LAN. Der hat es gut. Nach zwei total unbequemen Power-Naps in „EC-Hotels“, neben leise surrenden Geldautomaten, war dann unsere Power voll im dunkeln Arsch der Nacht verschwunden. Im müden Kopf zusammengezählt müssten wir noch mindestens acht Stunden weiterfahren und dabei liegen die größten Anstiege noch vor uns. In Hannoversch Münden haben wir so etwa um 4 Uhr morgens auf die frohlockend grinsende „Stopp-Taste“ gedrückt. 310 echt mal hart erfahrene Kilometer. Die Rückfahrt mit der Bahn war auch hart. Mein Fahrradticket wurde nicht auf die Fahrkarte vom Automaten gebucht, keine Ahnung, was sich der Kasten dabei gedacht hat. Die Metronom-Frau im Zug konnte dann aus ihrem schrankgroßen Umhänge-Computer keine Fahrkarten ausdrucken, nur meterlange Zahlungsaufforderungen über 60 Euro, weil die 2,50 Euro für das Fahrradticket fehlten. Ich bin ein todmüder und jetzt auch noch gesetzloser Rider, der Bahnfahren und den Service-Todestern Deutschland in diesem Moment mal echt in den frühmorgendlichen A* treten könnte. Aber dabei hätte ich mir vermutlich in meinem Zustand noch den Fuß verstaucht. Um dieses Event noch mit einem beliebten Detail zu granieren, habe ich beim Umsteigen auf kalten Provinzbahnhöfen noch meine Gore-Winterhaube verloren. Verlustrechnungen. 

Nach Abzug aller Aufwendungen und einer gute Mütze Schlaf, bereue ich keinen Meter. Diese Art Radfahren liebe ich, mit X-Faktor, der Dich ganz nach vorne bringen oder eben auch mal schön in Deinen Lycra-Butt kicken kann. Und dazwischen ereignen sich eigentlich immer schöne Dinge. „Spaghetti volles Programm“, Mondlicht-Gemälde, Radsport-Ritzen-Rauschen, witzige und bisweilen tiefsinnige Gespräche und vieles mehr. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen. Und den Track nach F500 Track nach Fulda nehme ich mir nochmal vor. 

Werbeanzeigen

Eine Antwort auf „Festive 310 von 500

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s